Alter zum Zeitpunkt des Briefes: 
14.0 Jahre

Und Sie raten richtig: Sie "leidet" unter dem Cri-du-Chat-Syndrom. Im folgenden möchte ich einen kleinen Bericht über unser Leben abliefern (ich will eigentlich nicht wirklich, aber meine Mama hat mir Fronarbeit und die Kürzung meiner finanziellen Mittel angedroht wenn ich nicht ...).

Meine Schwester Anna ist jetzt 14 Jahre alt und einen Kopf kleiner als ich. Sie ist ziemlich dürr, mit langen Armen und Beinen und hat kurzgeschnittene, meist ziemlich zerzauste Haare. Durch ihren leicht nach vorne gebeugten, schwankenden Gang wirkt sie manchmal wie ein überdimensionaler Pinguin. Ihre Kleidung besteht immer aus mehr oder minder schlecht sitzenden Hosen und Sweatshirts, oft vor allen an den Armen zu kurz, und spätestens nach dem Frühstück bereits fleckig. Soviel zu ihren Äußerlichkeiten. Aber was wirklich zählt, liegt ja bekanntlich im Inneren: Anna erfreut sich meistens bester Laune, sie lacht viel und ist bereit, mit jedem, der ihren Weg kreuzt Freundschaft zu schließen. Auch ist sie überhaupt nicht nachtragend (selbst hinterhältigen Leuteschindern wie z.B. Zahnärzten, etc., gegenüber, verhält sie sich stets freundlich). Das heißt natürlich nicht, dass sie das gütigste und brävste Mädchen auf Gottes Erde ist. Sie hat durchaus ihre Launen und kann hin und wieder ziemlich lästig sein. Zudem hat sie die Kunst der stummen Schauspielerei perfektioniert. Wenn sie etwas von mir will, was ich ihr nicht gewähren will, dann setzt sie ihre, vorm Spiegel erprobte "Miese-hinterhältige-Schwester-ist-ungerecht-zu-armer-bemitleidenswerter-Anna"-Schnute auf und geht vor die höchste Instanz unserer Familie (unsere Mama). Leider zieht die Masche immer wieder!

Um einen besseren Einblick in unser Leben zu geben, werde ich jetzt den Ablauf an einem normalen Tag beschreiben: 7 Uhr. Da Anna und ich es vorziehen, auf den letzten Drücker aufzustehen, gibt es morgens immer einen Engpass in unserem kleinen Badezimmer. Nachdem Anna von meiner Mum aus dem Bett gezerrt wurde, schwankt sie schlaftrunken ins Bad und klammert sich, um nicht umzufallen, an alles und jedes, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Meiner Mutter fällt die Aufgabe zu, sie in die passende Kleidung zu zwängen. Wenn alle Kleidungsstücke an ihrem Platz sind und Anna ins Wohnzimmer verfrachtet wurde, besteht ihre erste Amtshandlung darin, zwei Kirschkornsäckchen aus ihrer Spielkiste zu holen und sie in der Mitte des Raumes zu platzieren (sonst macht sie nichts damit, aber wehe, es wagt jemand, diese wegzunehmen, dem wird nämlich sofort die Hölle eingeheizt). Nach der Aufnahme und dem Beladen ihres Lieblingsspielzeugs, einer ständig verlutschten und entsprechend geruchlich belasteten Stoffeinkaufstasche, deren notwendiger Waschprozess regelmäßig zu einem Drama führt, ist sie dann bereit, das Frühstück einzunehmen - Haferschleim!!!  (Wenn ich ihr, zugegeben selten, in den Ferien Frühstück mache, bekommt sie wenigstens Schoko-Müsli!) Dann gehen wir unterschiedliche Wege und vor allem in unterschiedliche Bildungseinrichtungen, ich ins Gymnasium und sie in eine Behindertenschule. Abends, nach der Schule, sind wir meist mit unseren eigenen Interessen beschäftigt, außer wenn wir zusammen Schaukeln und Schmusen. Aber diese scheinbare Eintracht trügt: Wir tragen verdeckt oder offen erbitterte Kämpfe um das Fernsehmonopol aus. Ich, um echt coole Filme zu sehen, sie, um einen Video mit dem absolut bildgewordenen Grauen anzusehen (Teletubbies!).

Eine behinderte Schwester zu haben hat viele Vorteile. Zum einen zieht sie die Aufmerksamkeit meiner Eltern auf sich, die sich dann naturgemäß weniger in meine privaten Angelegenheiten einmischen. Wenn man ansonsten das Bedürfnis nach Mitleid und Anteilnahme hat, muss man nur von seiner Schwester erzählen und man bekommt mehr, als man haben will. Wenn man zu einer total ätzenden Veranstaltung nicht gehen will, kann man auch immer sagen: "T'schuldigung, aber ich muss auf meine behinderte Schwester aufpassen" - und niemand ist böse. Und wenn man sich, wie üblich unter Geschwistern, zofft, kann man sich hinterher immer als intellektueller Sieger fühlen. Und nicht zuletzt, wenn man sich im Sommer im touristenverseuchten Meersburg eine der begehrten Parkbanken erobern will, muss man sich mit Anna nur zu einer Gruppe dazusetzen, dann hat man die Bank bald für sich allein.

Mehr gibts eigentlich nicht zu sagen. Ich hoffe, aus dem vorigen ist deutlich geworden: Ich habe den kleinen Kobold von einer Schwester schrecklich gern und würde sie nie gegen eine total gesunde Musterschwester eintauschen wollen! Denn Anna ist etwas ganz Besonderes.

Ruth , Annas Schwester (April 2008)